Prokrastination: Fachbegriff für Aufschieberitis

Roter Wecker.
Fünf vor zwölf: Wer prokrastiniert schiebt Wichtiges so lang auf, bis es fast zu spät ist (Foto: Pixabay)

Wer chronisch prokrastiniert, schiebt wichtige Angelegenheiten so lange vor sich her, bis es fast zu spät ist. Stattdessen werden viele Kleinigkeiten erledigt, während das schlechte Gewissen die Stimmung drückt.

Prokrastination: Die Persönlichkeit ist nicht entscheidend

Die Prokrastination (Aufschieben, von procrastinare; auf morgen verlegen) wird auch als „Studentensyndrom“ bezeichnet. Unpassend, denn diese Störung der Handlungsfähigkeit betrifft laut Studien ebenso viele Arbeitnehmer wie Studenten. Die Aufschieberitis tritt bei Männern und Frauen aus allen Schichten auf und ist kulturunabhängig. In den 1970er Jahren begannen Psychologen, sich intensiver mit dem Phänomen auseinanderzusetzen. Erste Ansätze ließen vermuten, dass Menschen mit einem bestimmten Charaktermerkmal besonders häufig zu den Aufschiebern gehören. Psychologen sahen besonders neurotische Menschen, Perfektionisten und sogenannte Sensation Seeker als gefährdet an. Diese Theorie konnte nicht eindeutig bestätigt werden. Einige Untersuchungen machten Persönlichkeitsmerkmale als wichtiges Element aus, andere belegten, dass diese Charaktereigenschaften das Prokrastinieren nicht beeinflussen.

Aktive und passive Aufschieberitis

Die Prokrastination ist laut den gängigen Diagnosesystemen keine eigenständige psychische Störung. Sie kann isoliert ohne weitere psychische Erkrankung auftreten oder im Rahmen anderer Leiden wie Depression oder Angststörung. Dabei ist nicht klar, ob die Prokrastination nur Symptom einer solchen psychischen Erkrankung ist, oder auch ursächlich dafür verantwortlich sein kann. Aufgrund des hohen psychischen Leidensdrucks, den chronische Aufschieber erleben, ist das nicht auszuschließen. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen der aktiven („arousal procrastination“) und der passiven („avoidance procrastination“) Prokrastination. Die aktiven Aufschieber suchen den Nervenkitzel, der ihnen Schwung verleiht, eine Aufgabe anzugehen. Der passive Prokrastinierer versucht die mit der Aufgabe verbundenen negativen Gefühle zu vermeiden.

Weitere Informationen zum Thema Prokrastination sowie einen Selbsttest findest du in unseren Linktipps:

Leidest du an Prokrastination? Selbsttest der Universität Münster

Warum schieben Menschen etwas auf und wann wird dies zum Problem? Diese und weitere Fragen beantwortet Dipl.-Psych. Hans-Werner Rückert, Leiter „Studienberatung und Psychologische Beratung“ an der Freien Universität Berlin in einem Video.

Der Psychologieprofessor Timothy Pychyl schreibt in seinem Blog „Psychology Today“ über das Prokrastinieren und den Umgang damit. (Englisch)

Getting Nix Done – Aus dem Tagebuch eines Aufschiebers von Jan Tißler, Leitender Redakteur des Gadgetblogs neuerdings.com.